Perspektiven schaffen – drogenfrei leben – nachhaltig wirtschaften

Die ersten Stunden in Fleckenbühl

nüchtern werden Die Aufnahmezeit

Ankommen in der Welt ohne Alkohol und Drogen

Es ist ein klares und einfaches Angebot: Aufnahme sofort, 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. 450 süchtige Menschen nutzen dieses Angebot jährlich. 450 persönliche Geschichten, Hoffnungen, Träume von einem Leben, das nicht von Alkohol und Drogen bestimmt wird. Auch wenn es über Social Media, YouTube und Co. die Möglichkeit gibt, kleine Einblicke in das Fleckenbühler Leben zu erhalten, ist es doch mehr eine Reise ins Ungewisse, der sich ein Neuankömmling hingeben muss, der Fleckenbühl nicht kennt.

Es beginnt auf der Aufnahmebank. Die Aufnahme (so der interne Fleckenbühler Sprachgebrauch) wird mit einer Mischung aus Zugewandtheit und klaren Vorgaben konfrontiert. Die Erstbegrüßung ist kurz, klärt nur die Motivation und die Bereitschaft die drei Grundregeln – keine Drogen und Alkohol, keine Gewalt und deren Androhung, kein Tabak – zu akzeptieren. Eine Leibesvisitation, um den Schmuggel von Drogen in das Haus zu verhindern, folgt. Keine 30 Minuten nach dem Eintreffen in Fleckenbühl sitzt die Aufnahme, frisch geduscht und mit neuer Kleidung, im Aufnahmehaus. Je nach Rauschzustand bleiben die neuen Leute zwischen 24 und 72 Stunden im Aufnahmehaus. Keine einfache Zeit. Körper und Geist verlangen nach Betäubung. Das alte Umfeld, wie Ehepartner, Eltern, Dealer, Trinkkumpane, meldet sich in den Gedanken der wartenden Aufnahmen. Viele fangen in dieser Situation an zu zweifeln. Wo sind die schönen Bauernhofbilder, die ich im Internet gesehen habe, kann ich mein Leben einfach so abgeben, bin ich wirklich so kaputt, um hier neu anfangen zu müssen?

Entscheidungen treffen

Zwischendurch führen wir kleine Gespräche mit den Wartenden. Wir wollen sicherstellen, dass sie diesen Schritt nach Fleckenbühl bewusst gehen und nicht in einer Laune falschen Vorstellungen hinterherjagen.

Die Hälfte der Leute entscheidet sich in dieser Situation, wieder in das alte Leben zurückzugehen, das heißt nicht automatisch in die Gosse der Sucht. Viele Süchtige sind lange gesellschaftsfähig, haben Beruf und Familie. In der Zeit des Wartens entscheiden sie sich nüchtern für ihren Weg, manch einer auch für die Gosse. Wir nennen diese Kurzbesuche Krisenaufenthalte. Viele hilfesuchende Menschen finden hier Abstand zu der akuten Krisensituation und können das Leben seit langem wieder nüchtern betrachten.

Die, die in die Gemeinschaft wollen, werden ein zweites Mal ausführlich begrüßt. Nach den vielen Stunden des Wartens stehen sich das „endlich geht’s los“ und das „ist es richtig, was ich hier tue?“ gegenüber. Wir können beruhigen, denn es geht im ersten Schritt nur um zwei Wochen Probezeit. Eine Probezeit, in der der Neuankömmling Fleckenbühl prüfen kann. Prüfen, ob die eigenen Erwartungen und Hoffnungen hier festen Grund vorfinden. Das alte Leben hat weiterhin Bestand und kann jederzeit wieder aufgenommen werden.

Der Gang in das Haus ist ähnlich kurz wie die Begrüßung. Essraum, Wäsche, Zimmer und das war’s. 30 Minuten später ist die Aufnahme ein „Neuer“ in der Hauswirtschaft. Die Zeit des Denkens, des Grübelns, des Alleinseins ist vorbei.

Plötzlich sind viele Dutzend Menschen da. Menschen, die Tage oder Jahre vorher mit ganz ähnlichen Nöten den Weg nach Fleckenbühl beschritten.

Fast schlagartig hört für die meisten hier der Drang nach Zigaretten auf. Die wenigen, die mit körperlichen Entzugsbeschwerden zu tun haben, können auf einem Sofa im Essraum jederzeit die Füße hochlegen. So oder so, die neuen Eindrücke kommen mit Kraft. Mehrmals am Tag neue Kollegen und alle wollen wissen, wer man ist. Feste Strukturen, die von Aufgabe zu Aufgabe von Begegnung zu Begegnung und von Mahlzeit zu Mahlzeit lenken, fordern den Neuen ständig heraus, sich mit der Welt um sich herum auseinanderzusetzen.

Am Abend stellt sich wohltuende Erschöpfung ein, und wenn der Entzug es zulässt, lässt Schlaf den Tag ausklingen.

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Unser Autor

Christoph Feist
Leitung Fleckenbühler Räume

ed.relheubnekcelfeid@tsief.c

Christoph ist vielseitig interessiert und aktiv: Als Koordinator der Landwirtschaft, bei den Veranstaltungen und im sozialen Bereich. Er liebt das Gemeinschaftsleben, ist in der Gemeinwohlökonomie engagiert und entwickelt gerne neue Projekte und Ideen.

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