Perspektiven schaffen – drogenfrei leben – nachhaltig wirtschaften

Zu dritt sind wir stark

Eine erfolgreiche Familiengeschichte – endlich ohne Alkohol und Drogen 

Paul* und Janine* sind vor zweieinhalb Jahren zu uns gekommen. Zuvor hatten wir in mehreren Telefonaten miteinander besprochen, dass Janines neunjährige Tochter Lisa* erst einmal bei ihren Großeltern bleibt. So hatte Janine Zeit, sich einzuleben und sich erst einmal mit sich selbst und ihrer Sucht zu beschäftigen

Kennengelernt haben sich Janine und Paul vor vier Jahren. Janine ist gelernte Hauswirtschafterin, Paul arbeitete auf dem Bau.  

Mit elf Jahren konsumiert Paul das erste Mal Cannabis. In den nächsten Jahren werden Crystal Meth und Alkohol seine ständigen Begleiter. Als er 18 Jahre ist, kommt er das erste Mal nach Fleckenbühl, er weiß: „Ich muss aufhören, vor allem mit Crystal.“ 

Nach zwei Monaten gibt er Fleckenbühl auf: „Ich hatte die typischen Ausreden: Ich bin noch zu jung, ich verpasse doch alles, ich verliere meine Selbständigkeit.“ Sein Ziel, kein Crystal mehr zu nehmen, hält er durch, aber er „nimmt alles andere“. 

„MDMA, LSD, Naturrauschdrogen, Ecstasy, Spice und besonders Alkohol“ lassen ihn zum „richtig heftigen Alkoholiker“ werden. 

Nach ihrer Ausbildung zur Hauswirtschafterin geht Janine in die ambulante Pflege. Daran hat sie Freude. Nach zweijähriger Beziehung lebt Janine mit Lisa alleine. Sie ist ein ruhiges Kind, den Alltag mit ihr zu gestalten fällt Janine leicht. Oft sind sie im Freibad, gehen spazieren. Seit Jahren kifft und trinkt Janine, angefangen hat sie, als ihre Tochter Lisa drei Jahre alt ist. 

Auf einer Technoparty in Tschechien lernen sich Paul und Janine kennen und verlieben sich. Paul lebt in einer Wohngemeinschaft, Janine wohnt in einem kleinen Dorf. So oft es möglich ist, sehen sich die beiden. In der Küche sitzen, Marihuana rauchen und Bier trinken, das ist ihre gemeinsame Lieblingsbeschäftigung. Aus Rücksicht auf Lisa verzichten sie auf chemische Drogen. Die Großeltern wohnen nebenan und kümmern sich gerne und viel um ihre Enkeltochter, sie ist oft bei ihnen. 

Paul war immer sehr sportlich. Schon in der Grundschulzeit übt er im Verein die Kampfsportart Karate, als Jugendlicher wechselt er zum Biathlon. Seine große Leidenschaft aber wird das Mountainbike, er trainiert und nimmt an zahlreichen Wettkämpfen beim Cross Country teil.  

An einem Abend kommt es bei Janine und Paul zum Kontrollverlust durch Alkohol, sie streiten sich heftig. Paul „flippt völlig aus“, an dem Punkt erkennt Janine zum ersten Mal:

„So geht es nicht weiter”.

Kurz danach trinkt Paul mit seinem besten Freund Schnaps auf einem Flachdach auf dem Bau. Paul erzählt seinem Freund von der Zeit in Fleckenbühl und dieser macht sich kurze Zeit später auf den Weg nach Fleckenbühl.  

Paul hat noch Hoffnung „alles alleine hinzukriegen“. Janine und er haben sich wieder vertragen, aber beide hören nicht auf zu trinken. Es kommt immer wieder zu heftigem Alkoholmissbrauch und damit verbundenem Kontrollverlust

Im Vollrausch wollen sie Lisa nach der Schulzeit vom Bus abholen, das ist die Situation, in der sich die Großmutter einschaltet. Sie holt das Kind zu sich und informiert das Jugendamt.  

Kurzfristig wird Janine das Aufenthaltsbestimmungsrecht entzogen, das Jugendamt will positive Ergebnisse sehen: Termine bei einer Drogenberatungsstelle müssen eingehalten werden und ein Familienhelfer wird Janine und Paul zur Seite gestellt. Zweimal in der Woche unterstützt er, führt Gespräche, von außen sieht alles gut aus. Aber Paul und Janine konsumieren weiter.  

Der beste Freund von Paul lebt weiterhin in Fleckenbühl. Seine Kontaktpause nach außen ist vorbei und er telefoniert mit Paul. Janine und besonders Lisa erzählt er viel vom Leben auf dem Hof, damit sie sich ein Bild machen kann. Das ist Janine wichtig, wenn sie darüber nachdenken auf den Hof zu gehen, muss Lisa zustimmen.  

Am 6. Februar 2019 kommen Paul und Janine spät am Abend zur Aufnahme. Aufgrund der dreimonatigen Kontaktpause zu Janine wechselt Paul am nächsten Tag in unser Haus nach Frankfurt. Auf der Fahrt dorthin trinkt er „noch ein letztes Bier“. 

Das Bootcamp im Frankfurter Haus ist sehr klein „wir haben zusammengehalten“, sagt Paul. In unserem Transportunternehmen, in der Hauswirtschaft und der Wäscherei macht er seine Praktika in den ersten drei Monaten.  

Dann zieht er „endlich“ zu Janine auf den Hof und beginnt in der Küche zu arbeiten. Janine lebt sich auf dem Hof gut ein, lernt die Käserei kennen, hilft in der Verwaltung und in der Wäscherei. Sie wechselt fest nach drei Monaten in den Arbeitsbereich Wäscherei/Hauswirtschaft.  

Sie vermisst ihre Tochter. In der Anfangszeit hält sie Briefkontakt, etwas später folgen Telefonate und in den Osterferien kommt Lisa das erste Mal zu Besuch auf den Hof. Ihr gefällt der Hof gut, sie kann sich vorstellen, hier zu wohnen und in die Schönstädter Grundschule zu gehen. 

Im August holen wir Lisa bei den Großeltern ab, der Abschied fällt nicht leicht. Aber die Freude, wieder bei Mama und Paul zu sein, überwiegt bald. Lisa bekommt ein süßes Kinderzimmer. Die Beziehung zwischen Lisa und Paul ist gut, er ist „wie ein großer Bruder“. Paul ist nur 14 Jahre älter als Lisa ist.

Das erste eigene Zimmer von Paul und Janine liegt gegenüber dem Kinderzimmer, es ist klein aber fein und sie fühlen sich dort wohl. Janine unterstützt und hilft momentan acht neueren Frauen, die in den beiden Frauenzimmern leben. Paul ist auf der „Frauenetage“ der einzige Mann. 

Er nimmt an der modularen Qualifikation zum Koch teil, hat mittlerweile das zehnte Modul von insgesamt sechzehn Modulen erfolgreich abgeschlossen. „Im November 2022 bin ich ausgebildeter Koch“, sein Arbeitsplatz ist die Brasserie. Zu seinen Zielen gehört auch das Bestehen seiner Führerscheinprüfung

Auch Janine möchte ihren Führerschein wiedererlangen, bei ihr wird eine Medizinisch-Psychologische Untersuchung verlangt. Ihr Tätigkeitsfeld ist die Hauswirtschaft, sie übernimmt diese vielseitige Arbeit gerne. Nach der Wiedererlangung ihres Führerscheins möchte sie sich fortbilden und „Fachkraft für Gesundheit und Sozialdienstleistung“ werden.  

Lisa besucht eine weiterführende Schule in Marburg. Sie spielt aktiv Fußball im Verein und Weihnachten kam die Gemeinschaft in den Genuss ihres Trompetenspiels. Sie kümmert sich gerne um die kleinen Kinder in Fleckenbühl und versorgt auf dem Kinderspielplatz die große Hasenfamilie.  

Als Ausgleich zur Arbeit fährt Paul lange Strecken auf seinem Mountainbike, zuletzt fuhr er vom Hof Fleckenbühl nach Frankfurt und zurück – mehr als 200 km! 

Bei unserem letzten Jahresfest wurde er unter großem Anfeuern und Jubel Sieger beim Wettkampf „the strongest man Fleckenbühl“. Er hat eine Weiterbildung im Bereich Ernährung und Sport gemacht und bietet in Fleckenbühl das beliebte „Zirkeltraining“ an.  

Auch Janine ist sportlich, macht das Zirkeltraining mit, zu dritt unternehmen sie Fahrten mit dem Schlauchboot und zelten gerne. Ihr nächster Urlaub ist „nur draußen“, mit dem Schlauchboot fahren sie ab Cölbe auf der Lahn bis zum Rhein. Dass dabei der Bruder von Paul mitfahren kann, freut alle drei besonders. 

Der gemeinsame beste Freund hat nach knapp zwei Jahren Zugehörigkeit die Fleckenbühler Gemeinschaft verlassen, er lebt nüchtern, sie halten Kontakt und sind weiterhin „beste Freunde“. 

* Namen geändert 

Dagmar Feist Hausleitung Hof Fleckenbühl Portrait

Unsere Autorin

Dagmar Feist
Hausleitung Hof Fleckenbühl

ed.relheubnekcelfeid@tsief.d

Dagmar ist unsere Hausleiterin auf dem Hof Fleckenbühl. Die Rheinländerin ist zweite Vorsitzende im Fleckenbühler Verein. Sie ist verheiratet mit Christoph und hat zwei erwachsene Söhne. Dagmar lebt seit Juli 2000 bei den Fleckenbühlern. Am meisten Spaß macht ihr die Arbeit mit den neuen Leuten. Sie sieht gern, wie es ihnen von Tag zu Tag besser geht und sie sich im Laufe der ersten Wochen erholen und klarer werden.

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